12
Murlock schien in der Marsilus-Familie keine Ausnahme zu sein – trotz allem, was ich über Marker Marsilus gehört und von seinem Sohn Pando bisher gesehen hatte. Auch der alte Kov war ein rücksichtsloser Mann gewesen – nicht nur gegen Tilda, das Mädchen, welches sein Sohn gegen seinen Wunsch geheiratet hatte, sondern auch gegen ihre Familie –, und zwar derart, daß ihre Eltern der Bühne entsagt und mit entfernten Verwandten in diesem hübschen Tal einen Hof erworben hatten. Dieses Tal verließen wir nun auf dem Rücken unserer Zorcas, deren Hufe zielstrebig über das Straßenpflaster klapperten.
»Pando ist ganz in Ordnung, Dray«, sagte Inch. Er überlegte einen Augenblick lang und fügte hinzu: »Wenn er diese Sache überlebt.«
»Die Totenbettklagen des alten Kov und sein Wunsch, daß Pando als sein Erbe anerkannt wird«, sagte ich. »Das sind nur schwache Waffen – aber mehr haben wir nicht.«
»Wenn Pallan Nicomeyn die Wahrheit gesprochen hat – was ich annehme –, dürften sie aber ausreichen.«
»Erst einmal müssen wir Murlock haben!«
»Aha!«
Der Palast der Familie Marsilus erhob sich am höchsten Punkt schroffer Klippen, die steil zum Meer hin abfielen. Hellgrüne Vegetation bedeckte den roten Fels. Das Schloß, das ebenso rot war wie die Klippen, ragte stolz empor. Viele Flaggen prangten hier, und überall waren bewaffnete Wächter zu sehen. Während wir in einer Schänke ein Glas tomboramischen Wein tranken, erfuhren wir, daß der König durch Tomboram reiste und im Augenblick auf der malerischen Küstenstraße unterwegs war, um seine Domänen zu besichtigen. Er reiste langsam und mit großem Gefolge.
»Wir dürfen keine Zeit verlieren«, sagte ich zu Inch. »Sobald sich der König im Palast einquartiert hat ...«
»Bei Ngrangi! Wir müssen schnell handeln, Dray!«
So kam es, daß Inch und ich an diesem Abend schwerbewaffnet die gewaltige rote Klippe erstiegen, wobei uns nur der Schein der Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln begleitete. Wir gingen mit den Wächtern sanft um, denn wir hofften natürlich, daß Pando bald die Herrschaft antrat, und wollten keine bösen Gefühle gegen ihn wecken. So ließen wir eine Reihe von Bewußtlosen zurück, während wir uns zu Murlocks Schlafkammer durcharbeiteten, wo Inch das rundliche Mädchen fesselte, das sein Bett teilte, und ich ihm meine Dolchspitze zeigte.
»Du kommst mit uns, Murlock«, sagte ich, und als er mein häßliches Gesicht erblickte, wich er unwillkürlich zurück. Er war ein dicker, wenn auch kräftiger Mann, und seine wabbeligen Wangen bebten, als ich mit der Waffe näherkam. »Zieh dich an oder nicht, wie es dir beliebt – aber beeil dich!«
Murlock bibberte vor Angst und fragte sich bestimmt, wie wir in seinen Palast hatten eindringen können – er konnte nicht wissen, daß uns Tilda die Geheimgänge verraten hatte, die sie von Marker kannte. Er legte hastig seine Kleidung an, und zu dritt stürmten wir aus der Bettkammer und ließen ein säuberlich in kostbare Seide gefesseltes Mädchen zurück.
Auf dem Rücken trugen wir Murlock die Klippe hinab, wobei wir ihn wie einen Teppich weiterreichten. Er war fast gelähmt vor Angst, doch er wußte, daß ihn ein einziger Schrei das Leben kosten würde – daran hatte ich keinen Zweifel gelassen.
Wir luden ihn auf ein Packtier, fesselten ihn an Handgelenken und Füßen zusammen und ritten dann durch das dunstige rosa Mondlicht über die metallisch schimmernde Straße. Tilda wollte uns zuerst nicht glauben, als wir ihr von unserem Abenteuer berichteten, doch ich überzeugte sie schnell. Murlock trug eine Augenbinde, damit er nicht erfuhr, wo sich Tilda versteckt hatte, und dafür war uns ihre Familie sehr dankbar. Mit Tilda und ihrem Sohn ritten wir dann im Galopp nach Osten, durch eine fruchtbare Gegend, wobei wir den Farmen aus dem Wege gingen. Wir näherten uns schließlich wieder der Küste und hatten bei Sonnenaufgang ein gutes Stück zurückgelegt. Drei Tage lang ritten wir zügig weiter, ohne mit anderen Menschen in Berührung zu kommen; wir lebten von den Vorräten, die wir mitgenommen hatten. Am Morgen des vierten Tages drangen wir kühn in das Lager des Königs ein. Sein Gefolge, die Bediensteten, Pferdeknechte, Höflinge und Wächter, standen eben erst auf, reckten sich, gähnten und dachten an den bevorstehenden Tag.
Ich hielt auf das größte Zelt zu und sprang vor dem Wächter aus dem Sattel. Es handelte sich um einen Mann mit Halbpanzer und einer blauen Tunika; als Waffe trug er einen raffinierten langschäftigen Speer, wie ich ihn auf Kregen bisher noch nicht gesehen hatte. Natürlich war er außerdem mit Rapier und Main-Gauche bewaffnet.
»Bleib stehen, Rast!« knurrte er, und seine Speerklinge näherte sich meinem Bauch.
»Gib dem König Nachricht, du Unverschämter, daß der Lord von Strombor über einen Verratsfall mit ihm sprechen will.«
Der Speer rührte sich nicht. »Verschwinde, du Umnachteter ...« Der Mann hätte sicher noch weitere Beleidigungen geäußert, doch ich trat zur Seite, schlug den Speer beiseite, versetzte ihm einen Kinnhaken und eilte ins Zelt.
Im Vorraum räkelten sich andere Wächter, deren Hikdar mürrisch nähertrat. »Hikdar!« sagte ich, und meine Stimme klang rauh. »Ich bin Lord von Strombor. Wecke den König. Ich habe eine Nachricht für ihn.«
Der Hikdar zögerte, und mir entging nicht, daß seine Männer die Waffen hoben. In diesem Augenblick trat ein kleiner dicker Mann aus dem Zelt, der die Insignien eines Pallan trug.
»Was geht hier vor?« fragte er nicht ohne Schärfe. »Der König kleidet sich gerade an und verlangt, daß ihm der Mann, der die Störung verursacht, vorgeführt wird.«
Der Hikdar erbleichte. »Es lag nicht an mir, Pallan Omallin, nicht an mir! Dieser Mann – er behauptet Lord Sowieso zu sein ...«
Ich stieß beide Männer zur Seite, wobei der Hikdar zu Boden ging, und drängte mich in den Hauptraum des Zelts.
Gleichzeitig rief ich über die Schulter: »Bring sie rein, Inch! Komm sofort durch! Kümmere dich nicht um diese Idioten!«
Das Zelt des Königs entsprach meinen Erwartungen. Überall Luxus. Kostbare Teppiche, schwere Brokatdecken, Kissen, doppelte Zeltbahnen, Waffen an den Zeltstangen – dies alles sah und übersah ich. Auf einem weich gepolsterten Diwan saß ein korpulenter Mann mit aufgedunsenem Gesicht, der damit beschäftigt war, riesige schwarze Stiefel anzuziehen. Die Sporen mußten selbst einem Zorca höllische Schmerzen bereiten. Der schmale schwarze Schnurrbart hob sich, als der Mann mich anstarrte. In seinen hellen Augen lag ein fanatischer Blick. Er fuhr sich zu oft mit der Zunge über die purpurnen Lippen. Der Mann gefiel mir nicht, und doch war er König Nemo, dem ich mich und meine Freunde nun auslieferte. Ich wußte, daß er zu Murlock tendierte – doch würde er sich gegen das Gesetz stellen? Es gab Zeugen; Pallan Omallin war uns keuchend gefolgt, ebenso die Wächter und ihr Hikdar.
»Du bist der Störenfried«, sagte der König mit unangenehm näselnder Stimme. »Man wird dich zur Klippe bringen, auspeitschen und dann ins Meer werfen.« Er winkte den Hikdar herbei. »Bringt ihn fort.«
»Du irrst dich, König«, sagte ich und betrachtete den Mann. »Ich bin Lord von Strombor. Dir sind die letzten Wünsche deines Bruders, des Kov von Bormark, hinsichtlich seines Enkels bekannt?«
Der König richtete sich kurzatmig auf und starrte mich wütend an. Er wollte etwas sagen, doch in diesem Augenblick betrat Inch das Zelt, wobei er sich ziemlich bücken mußte, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Über der Schulter trug er Murlock. Tilda folgte ihm; sie führte Pando an der Hand.
»Du bist ja verrückt!« brüllte der König. »Ihr werdet alle sterben!«
»Wir sind nicht verrückt, König, und ich glaube, du wirst mich anhören – sonst bist du derjenige, der hier stirbt!«
Mit diesen Worten packte ich ihn mit der Linken an seinem dicken Hals und zeigte ihm meinen Dolch. Er zuckte zusammen. Ich dachte schon, ihm würden die Augen aus dem Kopf fallen und wie Murmeln über die Teppiche kollern.
»Ich komme in aller Freundschaft, König. Ich möchte dir nichts tun, aber du mußt mich anhören. Du weißt, was dein Bruder Marsilus verlangt hat. Der falsche Murlock hier ist ein toter Mann, wenn er mir nicht zu Willen ist. Und hier ist auch der Kov von Bormark.«
Bei diesen Worten stieß Murlock einen schrillen Laut aus, und Inch warf ihn auf den Teppich. Dort kauerte er sich nieder, und ich hätte ihn fast bedauern können.
»Gnade! Gnade!« flehte Murlock. »Diese Männer sind wahnsinnig.«
»O nein.« Solange der König von meinem Dolch bedroht wurde, war niemand so dumm, eine Waffe gegen uns zu erheben.
»Was wollt ihr?« fragte der König mit zitternder Stimme. »Ich sehe den Kov von Bormark vor mir – Murlock ...«
»Hier ist der Kov von Bormark«, sagte ich. Tilda schob Pando vor. Der Junge stand in seiner Zhantiltunika vor dem König und umfaßte den Griff seines Dolchs, und er machte einen ziemlich entschlossenen Eindruck – und auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Energie, die nicht unbemerkt blieb. Ich wußte, daß der König in dem jungen Gesicht auch die Merkmale der Familie Marsilus wiedererkannte.
»Nach den Gesetzen Tomborams«, sagte ich mit lauter Stimme, »ist Pando, der Enkel Marsilus', Kov von Bormark. Verbanne den falschen Kov, oder er stirbt von meinem Schwert.«
Inch hatte inzwischen seine große Axt von der Hüfte gelöst und schwang sie hin und her, wobei er leise durch die Zähne pfiff.
Murlock quiekte auf und rief: »Tötet mich nicht! Ja, ich habe es getan!« Er wußte, was er sagen mußte, denn ich hatte mich vorher von den Tatsachen überzeugt. »Ich habe Männer losgeschickt, um Tilda und Pando umzubringen!«
Nun mußte sich der König entscheiden. Er kannte den jungen Pando nicht, während er Murlock im Griff gehabt hatte. Ich ließ den Hals des Monarchen los und trat zurück. Die Wächter duckten sich, doch sie griffen nicht an. Durch meine Handlungsweise hoffte ich sie zu überzeugen, daß alles vorbei war. Tilda hob den Schleier und lächelte den König an.
Vielleicht war es dieses Lächeln, das die Entscheidung brachte.
Der König fällte sein Urteil an Ort und Stelle – und zwar zugunsten Pandos. Murlock hatte zwanzig Burs Zeit, um aus Tomboram zu verschwinden. Er schlich aus dem Zelt. Ich wußte, daß wir noch einiges von ihm zu erwarten hatten; aber dagegen war im Augenblick nichts zu machen – wenn wir ihn nicht töten wollten. Und kaltblütiger Mord gehört nicht zu meinen Steckenpferden.
Jetzt war es an der Zeit, mich für mein schlechtes Benehmen gegenüber dem König zu entschuldigen. Ich brachte dies mit ernstem Gesicht hinter mich, und als das Frühstück kam, wir uns alle zu einer guten Mahlzeit zusammensetzten und Pando uns bewies, daß er seine Pflichten als Kov durchaus kannte, ja und als Tilda auch noch recht gut mit dem König auskam – da begann ich zu glauben, daß wir es geschafft hatten. Der König kehrte sofort den Staatsmann heraus.
»Ich wollte Murlock besuchen, weil das Verfluchte Menaham die Absicht hat, in mein Reich einzufallen. Die Soldaten marschieren bereits vor deinen Grenzen auf, Kov Pando. Ich brauche viele Männer und viel Geld von dir, um das Land zu verteidigen.«
Mit aller Begeisterung, derer er fähig war, rief Pando: »Du sollst alle Männer bekommen, die ich finde, und das gesamte Geld Bormarks, König Nemo! Wir werden dem Verfluchten Menaham eine blutige Lektion erteilen! Wir marschieren gegen sie. Wir töten sie und brennen ihre Farmen nieder! Es wird einen großartigen Sieg geben!« Erregt wandte er sich an mich – ich erkannte den kleinen zehnjährigen Jungen kaum wieder. »Habe ich nicht recht, Dray Prescot, Lord von Strombor?«
Ich wollte ihn etwas beruhigen, doch da unterbrach mich der König. Er war bei bester Laune, was ich natürlich verstand. Er war auf ein hartes und unangenehmes Gespräch mit Murlock gefaßt gewesen – denn so sehr Murlock auch unter der Fuchtel des Königs gestanden hatte, kein Kov gibt gern Geld und Männer an seinen König. Nun hatte er es mit dem neuen Kov zu tun, einem kleinen Jungen, der ihm mit vollen Händen gab, was er verlangte.
König Nemo schien der Meinung zu sein, er habe ein gutes Geschäft gemacht, und äußerte sich später ähnlich zu mir: »Du kämpfst gut, Kyr Dray nal Strombor. Wirklich gut. Ich brauche Männer wie dich in meiner Wache. Ich brauche einen Mann, der seinem Herrn treu ergeben ist.«
Ohne zu zögern – was ein dummer Fehler war – sagte ich: »Das kann nicht sein, König. Ich habe ein Ziel im Leben, und nachdem ich nun meiner Pflichten gegenüber Kovneva Tilda und gegenüber Kov Pando ledig bin, muß ich weiterziehen.«
Der König runzelte mißmutig die Stirn.
So sehr ich die bloße Macht verabscheue – besonders wenn sie in Tyrannei und Unterdrückung mißbraucht wird, hatte ich doch einen Großteil meines Lebens auf Kregen unter Menschen verbracht, die Macht ausübten. Dennoch fühle ich mich im Grunde bei einfachen Leuten wohler und bin nicht der sicherste auf dem Parkett der hohen Politik. Ich lief König Nemo voll in die Falle, wie ich erkannte, als ich am nächsten Morgen nicht in dem Zelt erwachte, in dem man mich untergebracht hatte, sondern gefesselt und mit dem Gesicht nach unten im Bilgewasser eines Bootes. Da wußte ich, daß ich König Nemo erheblich unterschätzt hatte.
Ich war bis auf einen grauen Sklavenschurz nackt. Kein Zweifel, welches Schicksal auf mich wartete!
Während des Essens, das am Abend zuvor zu Ehren Pandos gegeben worden war, mußte mir ein Helfer des Königs ein Mittel in den Kelch getan haben. Der König hatte mich nicht gleich umgebracht, obwohl ich ihn vor seinen Wachen lächerlich gemacht hatte – vielleicht gedachte er nach meiner ersten Periode an Bord eines Schwertschiffs sein Angebot zu erneuern.
Wahrscheinlich hätte ihm mein schneller Tod keine Genugtuung verschafft. Die lange Qual der Sklavenbänke mußte viel erfreulicher für ihn sein. So versuchte ich mir jedenfalls einzureden, als wir hinausruderten und an Bord eines Schwertschiffes geschafft wurden, das auf Reede lag. Ich habe schon von meinem Leben an Bord einer Galeere berichtet. Die Unterschiede waren sehr kraß – doch das Ergebnis war dasselbe.
Ich wehrte mich fluchend und verschaffte einigen Leuten blutige Köpfe, indem ich meine Ketten schwang. Ich wurde ausgepeitscht. Aber damit gab ich mich nicht zufrieden; ich schlug einen Peitschendeldar nieder und wurde erneut ausgepeitscht, ehe ich schließlich zur Vernunft kam. Meine früheren Erfahrungen als Rudersklave hätten mich eigentlich viel schneller in den erforderlichen Zustand dumpfen und instinktiven Gehorsams zurückführen müssen. Irgendwann mußte die Qual dieses Lebens am Ruderbaum ein Ende haben! Mir stand ein tausendjähriges Leben bevor – und hier machte sich nun einer der Nachteile dieses Zustands unangenehm bemerkbar – tausend Jahre als Rudersklave an Bord eines kregischen Kriegsschiffes!
Nein!
Das würde ich nicht dulden.
Das Schwertschiff, auf dem ich mich befand, hieß Nemo Zhantil Faril Opaz – was bereits eine Abkürzung für den heraldischen Spruch war: »König Nemo ist mutig wie ein Zhantil und der Günstling Opaz'«. Um mich etwas aufzuheitern, was ich dringend brauchte, übersetzte ich den Spruch ins Englische: »König Nemo, Löwenherz, der Liebling Gottes.« Und fluchte und zog an meinem Ruder und ließ mich von meiner Verzweiflung übermannen.
Wir arbeiteten zu acht an einem Ruder, wobei fünf Mann zogen und drei schoben. Unser Schwertschiff, das kurz Nemo genannt wurde, hatte die Aufgabe, zwischen den Inseln nach Piraten-Schwertschiffen zu suchen. Es war kein sehr großes Schiff, und die einstöckige Ruderanlage war so eingerichtet, daß sich dreißig Ruder auf jeder Seite bewegten. Es gab erhebliche Unterschiede zwischen diesem Schwertschiff und den Ruderern des Binnenmeers – Unterschiede, die durch die unterschiedlichen Gegebenheiten von Meer und Wetter und Entfernungen bedingt wurden.
Während ein Ruderer wenig Freibord brauchte, mußte ein Schwertschiff mit den hohen Dünungswellen und dem größeren Seegang der äußeren Ozeane fertigwerden. Dafür waren die Ruder viel schwerer und länger und führten nicht so steil ins Wasser hinab. Vorn hatte das Schiff den krummen Rammsporn aus Bronze, der von vielen Seeleuten noch immer für die wichtigste Waffe der geruderten Galeere gehalten wird. Der zweite Vorsprung am Bug, der das getroffene Schiff vom Sporn schieben soll, war hier ebenso zweckmäßig geformt wie bei den Ruderern. Darüber ragte der Bugspriet auf, und auch hier gab es einen Unterschied. Der Bug der Ruderer war beweglich; er wurde je nach Kampflage angehoben oder gesenkt. Der Bug der Schwertschiffe war fest und so gebaut, daß er fast so weit vorragte wie der Rammsporn an der Wasserlinie, und erstreckte sich nach hinten bis zum Fundament des flachen Vorschiffs.
Während ich mit sieben Schicksalsgenossen an meinem Ruder schuftete, stellte ich mir vor, daß die Schwertschiffe alles in allem nicht übel waren – wenn eine Marine schon darauf bestand, den wenig zufriedenstellenden Versuch zu machen, ein Segelschiff zu rudern oder eine Galeere mit Segeln zu versehen.
Unter Wasser waren diese Schwertschiffe bei weitem nicht so gut gebaut wie die Ruderer und hatten einen viel größeren Tiefgang, was uns das Rudern erschwerte. Aber sie waren lang, schmal, wendig, gefährlich und darüber hinaus feucht und ausgesprochen ungemütlich.
Mit jedem Ruderschlag verfluchte ich König Nemo. Ihn mit einem Zhantil zu vergleichen, wäre eine Beleidigung für dieses edle Tier gewesen.
Im Gegensatz zu den meisten Piratengaleeren, die ich bisher gesehen hatte, protzte die Nemo mit drei Masten, und der Kapitän schien mir einer der schlechtesten Seeleute zu sein, mit denen ich je gefahren war – er zog es vor, seine Ruder einzusetzen. Dies erschwerte uns das Leben sehr. Wir fuhren in nördlicher und westlicher Richtung an der Inselkette entlang und machten in den verschiedenen tomboramischen Hafenfestungen Station, die dort unterhalten wurden. Dabei bekamen wir keinen einzigen Piraten zu Gesicht.
An einem Tag mit guter Sicht machten wir drei winzige Segel aus; doch wir drehten ab, und später wurde auf dem Sklavendeck gemunkelt, die Schwertschiffe wären aus dem Verfluchten Menaham gekommen. Selbst das wäre mir eine Erleichterung gewesen. Wohlgemerkt, ich kannte die Schrecknisse und Gefahren des Ruderdecks während eines Seekampfes, doch ich war so niedergeschlagen und wütend, daß ich bereit gewesen wäre, mit bloßen Händen gegen einen Leem anzutreten und ihm das Genick zu brechen.
Nemo Zhantil Faril Opaz trat schließlich doch in Aktion – und zwar auf eine Weise, die so lächerlich ist, daß ich hinterher noch oft verwundert den Kopf geschüttelt und geflucht habe.
Wir hatten an einer Insel angelegt, von der Valka sagte, sie sei verlassen. Valka war ein Sklavengenosse aus Vallia, der mir sehr gefiel und mit dem ich mich ein wenig angefreundet hatte. Eine Abteilung sollte an Land gehen, um Wasser zu holen. Durch die Ruderluke sah ich plötzlich etwas, das im ganzen Schiff sofort große Aufregung auslöste.
Am Strand war eine Horde halbnackter Mädchen erschienen.
Sie eilten zum Wasser herab und streckten dem Schwertschiff ergeben die Arme entgegen. So mancher sinnlose Fluch erhob sich in die heiße Luft.
»Bei Likshu dem Verräterischen!« sagte ein Chulik an unserem Ruder. »Wenn mich diese Ketten nicht hielten! Oho!«
»Oho, und wenn uns die Ketten nicht hielten, mächtiger Chulik!« spotteten wir.
»Gesegnete Mutter Zinzu!« tönte ein Ruf von weiter hinten, und beim Klang dieser Worte überkam mich die alte schmerzhafte Erinnerung. Doch das Fluchen nützte wenig. Wir waren Sklaven, nackt und angekettet, verdreckt und verseucht von Ungeziefer. Die hübschen nackten Mädchen waren nicht für uns bestimmt.
Der Kapitän und die Mannschaft holten von der Insel kein Wasser, sondern Wein in großen runden Amphoren. Die Mädchen, die Schmuck aus Blumen und Federn trugen, lachten und kamen mit auf das Schwertschiff, als die Doppelsonne in herrlichen Farben unterging. Wir Sklaven hockten auf unseren Ruderbänken und starrten düster nach achtern, während jeder ein paar Brotkrumen, eine Zwiebel und einen Streifen alten Hartkäse erhielt. Die Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln ging auf, ehe die Sonnen ganz verschwunden waren. Eine seltsame Mischung von Farben legte sich über das Schwertschiff. Wir konnten uns nur ausmalen, was jetzt am Heck und im Vorschiff passierte; wir hörten das helle Gelächter und die lauten Stimmen der Seeleute.
Und dann ließ der Lärm allmählich nach. Wir vernahmen einen schrillen Schrei, dann einen zweiten, der schon leiser war. Stille senkte sich über das Schwertschiff.
Wir hörten nicht einmal mehr die Wache, die die Wendung der Sanduhr ausrief.
»Irgend etwas stimmt da nicht«, sagte Valka. Er weckte den Gon, der unmittelbar am Mittelgang saß – ein ungemütlicher Platz, da in unmittelbarer Nähe des Peitschendeldars. »He, Dom. Was ist los?«
»Laß mich, Valka! Ich will schlafen«, sagte der Gon. »Ich will schlafen und von den Mädchen träumen.«
»Schau nach achtern, du haariger Dummkopf! Steht die Wache an der Lampe?«
Der Gon reckte sich. »Die Lampe brennt nicht!«
»Bei Vox!« Valka fuhr auf. »Die Chance ist da ...« Er begann verzweifelt an seinen Ketten zu zerren, bis ihm die Fingernägel brachen und Blut das Metall dunkelte.
Bis jetzt hatte ich noch kein Werkzeug gefunden, mit dem ich meine Kette hätte durchfeilen können, wie wir es an Bord der Grodnos Gnade getan hatten, als Zorg, Nath, Zolta und ich unsere Flucht planten. Aber Valka hatte recht. Diese Nacht war unsere Chance! Doch die Mannschaft hatte die grundlegenden Regeln der Vorsicht beachtet; es lag nichts an Deck herum, was sich zum Aufbrechen der Ketten verwenden ließ. Schon zeigte uns die unangezündete Lampe, daß die tägliche Routine an Bord des Schwertschiffs gestört war, und als wir nicht wie üblich vor dem Schlafengehen mit Wasser abgespritzt wurden, erkannten wir, daß die Mannschaft anderweitig beschäftigt war – doch wie falsch lagen wir mit unseren wollüstigen Träumen!
Dann plötzlich trat im rosa Mondlicht ein Mädchen auf den Mittelgang. Alle Köpfe wandten sich in ihre Richtung – doch es gab keinen Aufschrei der Bewunderung.
In absoluter Stille ging das schlanke Mädchen den ganzen Mittelgang entlang, von achtern zum Bug. Sie war halbnackt, ihre Beine und Arme schimmerten matt im Mondschein, und mit einer winzigen Faust hielt sie ihre Last. Sie hielt die Last am Haar gefaßt, und blicklose Augen starrten auf die Ruderbänke.
Vom durchtrennten Hals hing noch Gewebe herab, aus dem Blut tropfte. Das Mädchen schritt über den Mittelgang und hinterließ eine dunkle Blutspur.
Und nicht zufällig zeigte sie uns diesen Kopf. Jeder Rudersklave erkannte das verhaßte Gesicht.
Es herrschte ein unheimlicher Gegensatz zwischen dem geschmeidigen Mädchen und dem widerlichen abgetrennten Kopf, dessen Gesicht uns nur zu gut bekannt war.
Es war das Gesicht des Ersten Peitschendeldars.